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Wenn über den Markt für alternative Proteine gesprochen wird, geht es meist um Konsumverhalten, neue Produkte oder Investitionen in Verarbeitungstechnologie. Eine neue Studie der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) lenkt den Blick auf einen Aspekt, der in dieser Debatte oft zu kurz kommt: die Landwirtschaft selbst. Für die Studie hat die DLG im November 2025 knapp 700 deutsche landwirtschaftliche Betriebe dazu befragt, wie sie den Anbau und die Vermarktung von Eiweißpflanzen wie Soja, Erbsen, Ackerbohnen, Lupinen, Kichererbsen und Linsen einschätzen. Das Ergebnis zeigt ein differenziertes Bild – und eine Lücke, die für unsere Branche relevant ist.
Interesse ja, wirtschaftliche Attraktivität nein
Grundsätzlich sehen viele Betriebe im Anbau dieser Pflanzen Potenzial: 40 % finden ihn attraktiv, 36 % sehen darin eine gute Zukunftsperspektive für Ackerbaubetriebe. Beim Blick auf das Einkommen kippt das Bild jedoch: Nur 19 % der Befragten glauben, dass sich mit dem Anbau auch ein gutes Einkommen erzielen lässt.
Ein Drittel der Betriebe rechnet mit stark steigender Verbrauchernachfrage nach Fleisch- und Milchersatzprodukten, ein ähnlich großer Anteil geht davon aus, dass Verbraucherinnen und Verbraucher Produkte mit deutschen Zutaten bevorzugen werden.
Am meisten werden Erbsen und Ackerbohnen angebaut
Foto: Anbausituation einzelner Pflanzenarten im Betrieb, Quelle: DLG-Insights 2026: Alternative Proteinquellen
61 % der befragten Betriebe haben bereits mindestens eine der sechs untersuchten Pflanzenarten angebaut. Am weitesten verbreitet sind Erbsen (35 % der Betriebe) und Ackerbohnen (28 %), gefolgt von Soja (17 %) und Lupinen (14 %). Kichererbsen und Linsen spielen mit 2 % bzw. 3 % praktisch keine Rolle – meist, weil die klimatischen und betrieblichen Voraussetzungen fehlen.
Bemerkenswert ist der Hauptgrund für den Anbau: Bei Erbsen, Lupinen und Ackerbohnen steht die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit klar vor finanziellen Erwägungen. Nur bei Soja ist das Einkommen der wichtigste Anbaugrund. Mit anderen Worten: Viele Betriebe bauen diese Pflanzen eher als Teil einer guten Fruchtfolge an – nicht, weil sich damit gutes Geld verdienen lässt.
Wie stark der Anbau von Förderungen abhängt, zeigt ein weiterer Befund: Über die Hälfte der Erbsen- und Ackerbohnen-Anbauer erhält finanzielle Zuschüsse. Fiele diese Förderung weg, würde die Mehrheit der Erbsen- und Lupinen-Anbauer die Anbaufläche nicht im gleichen Umfang halten.
Fehlende Planbarkeit bei Nachfrage und Preis
Der vielleicht wichtigste Befund der Studie betrifft nicht den Anbau selbst, sondern den Absatz. Die Betriebe bewerten die Markt- und Vermarktungssituation für alle vier näher untersuchten Pflanzenarten (Soja, Erbsen, Lupinen, Ackerbohnen) durchweg als schwierig. Weder die Planbarkeit der Nachfragemenge noch die Preisstabilität werden positiv eingeschätzt. Am besten schneidet Soja ab, wo immerhin 31 % die Situation positiv sehen; bei Erbsen sind es nur 11 %, bei Lupinen 13 %.
Und hier liegt aus unserer Sicht der zentrale Punkt für unsere Branche: Vertragsanbau gilt bei fast zwei Dritteln der Betriebe als attraktivster Vermarktungsweg – wird aber kaum genutzt, weil es schlicht zu wenige Angebote gibt. Nur 20 % der Befragten sehen genug Vertragsanbau-Angebote für Soja, bei Erbsen sind es sogar nur 7 %. Die Betriebe selbst sind also deutlich anbaubereiter, als es das aktuelle Angebot an verlässlichen Abnahmeverträgen hergibt.
Die Betriebe wünschen sich von einem Anbauvertrag, dass er gute Abnahmepreise (93 % Zustimmung), eine garantierte Abnahme der gesamten erzeugten Menge (78 %) und die Möglichkeit, weiterhin Pflanzenschutzmittel einzusetzen (72 %), enthält. Qualitätsvorgaben oder mehrjährige Vertragslaufzeiten sind den Betrieben dagegen deutlich weniger wichtig.
Warum viele Betriebe (noch) nicht einsteigen
Betriebe, die zwar könnten, aber bislang nicht anbauen, nennen vor allem wirtschaftliche Gründe: zu niedrige Preise (56 %), fehlende Vermarktungswege (45 %) und zu geringe Planbarkeit der Erlöse (44 %). Klimatische oder bodenbedingte Hürden spielen mit 9–15 % eine deutlich kleinere Rolle. Der limitierende Faktor ist also nicht die Anbaufähigkeit, sondern der Markt. Es braucht also eine Wertschöpfungskette, die alle Akteure angemessen berücksichtigt. Politisch bedeutet das natürlich nicht, dass jede Lieferbeziehung staatlich vorgegeben sein muss. Die Aufgabe der Politik liegt viel mehr darin, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um langfristige wirtschaftliche Partnerschaften zwischen Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel zu erleichtern. Dazu zählen unter anderem bessere Informationen über Nachfrage und Qualitätsanforderungen oder geeignete Instrumente zur Finanzierung von Lagerung und Verarbeitung.
Was das für BALPro und unsere Mitglieder bedeutet
Diese Studie richtet den Blick auf einen Teil der Wertschöpfungskette, der zu selten in der Debatte vorkommt: die Rohstoffbasis. Während auf der Verarbeitungs- und Konsumseite viel in Kapazität und Produktentwicklung investiert wird, zeigt die Befragung, dass die heimische Erzeugerseite bereit wäre, mehr zu liefern – ihr fehlt aber das verlässliche Gegenstück auf der Abnehmerseite.
Für Unternehmen unserer Branche liegt darin eine konkrete Handlungsoption: Mehr und attraktivere Vertragsanbau-Angebote an landwirtschaftliche Betriebe könnten genau die Lücke schließen, die die Studie aufzeigt. Gleichzeitig könnte auf diese Weise die Versorgungssicherheit mit heimischen Rohstoffen verbessert werden. Ein Thema, das angesichts der Diskussion um Lieferkettenresilienz auch politisch an Bedeutung gewinnt. Die DLG selbst benennt den Ausbau von Vertragsanbaumodellen und die Gründung von Erzeugergemeinschaften als zentrale Hebel, um den Anbau in Deutschland zu stärken.
Dabei sollte klar sein, dass Resilienz nicht auf vollständiger Selbstversorgung basiert, sondern aus der Kombination von starkem heimischem Anbau, einer leistungsfähigen Verarbeitungsindustrie und diversifizierten Handels- und Lieferbeziehungen über die Landesgrenze hinaus. Eiweißpflanzen sind kein Ersatz für alle anderen Bezugsquellen von Proteinen, aber sie stellen einen wichtigen Baustein für eine breitere und resilientere Lebensmittelversorgung dar.
Quelle: DLG e.V., “DLG-Insights 2026: Alternative Proteinquellen, Teil 1 – Anbau und Vermarktung von Eiweißpflanzen in landwirtschaftlichen Betrieben”
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