Foto: Thomas Fedra
Der Smart Proteins Summit 2025 hat bestätigt, was sich in den vergangenen Wochen bereits abzeichnete: Deutschland hat das Potenzial – und zunehmend auch den politischen Willen –, sich im Bereich der Biotechnologie einen Vorsprung zu erarbeiten. Gleichzeitig wird es Zeit, aus alten Mustern auszubrechen und endlich erwachsen zu werden. Was das für die Branche bedeutet und warum wir noch viel zu oft in unserer eigenen Blase stecken, zeigen unsere fünf wichtigsten Food-Fakten für 2026.
Food-Fakt Nr. 1: Wir müssen neue Grenzen ausloten
Was unspektakulär klingt, ist eine der größten Herausforderungen. Dr. Robert Kecskes (YouGov) brachte es auf dem Summit folgendermaßen auf den Punkt: „Wir müssen raus aus der Bubble.“ Das bedeutet: raus aus der Komfortzone, rein in Gespräche mit Menschen, die der Branche nicht automatisch positiv gegenüberstehen. Bezeichnungsdebatten helfen nicht weiter – gebraucht wird eine eigene Sprache und eigene Kategorien. Es geht darum, sich nicht mehr unter-, sondern einzuordnen. Dazu gehört auch die Erschließung neuer Zielgruppen. Laut Kecskes stammen die heutigen Überzeugungskäufer pflanzenbasierter Produkte überwiegend aus dem postmateriellen Milieu – urbanen, gut gebildeten Gruppen, die Innovation, Nachhaltigkeit und bewusste Ernährung aktiv leben. Für zukünftiges Wachstum müssen vor allem junge Familien gewonnen werden: Eine Zielgruppe, in der bislang Skepsis und Ernährungsunsicherheit überwiegen. Hier braucht es glaubwürdige, alltagsnahe Argumente und eine emotionale Ansprache. Auch die Offenheit gegenüber technologischen Innovationen – etwa Fermentation, Zellkultivierung oder neuartigen Zutaten – muss wachsen. Hybridprodukte können dabei eine wichtige Brücke sein: Sie senken Hürden, erreichen neue Konsumenten und gelten sowohl für die Diversifizierung der Ernährung als auch für die Skalierung der Produktion als Schlüsselstrategie.
Food-Fakt Nr. 2: Wir müssen vermehrt systemisch denken
Das oft zitierte „Attitude-Behaviour-Gap“ – die angebliche Lücke zwischen nachhaltiger Einstellung und tatsächlichem Handeln – existiert laut Kecskes so nicht. Entscheidend sind die Rahmenbedingungen, die Verhalten ermöglichen oder verhindern. Notwendig ist daher ein systemisches Denken statt der Fixierung auf individuelle Konsumentscheidungen. Ein Beispiel ist das Konzept des „Gemeinsamen Tisches“, das der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) unter Leitung von Prof. Achim Spiller entwickelt hat. Es steht für einen inklusiven Dialog über Ernährung, in dem Genuss, Nachhaltigkeit und Gesundheit nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern als miteinander verbundene gesellschaftliche Ziele verstanden werden.
Food-Fakt Nr. 3: Wir müssen Kompetenzen bündeln
Auf dem Summit wurde mehrfach die Notwendigkeit einer nationalen Proteinstrategie betont. Ziel ist es, Forschung, Regulierung, Ausbildung und Wertschöpfungsketten miteinander zu verbinden und ein nationales Kompetenzzentrum für alternative Proteine zu etablieren. Auch der Handel spielt eine wichtige Rolle. Er ist keine Erziehungsinstanz, sondern ein Partner in einer kooperativen Wertschöpfungskette, wie ein Panel hervorhob. Gleichzeitig plant die Bundesregierung, im Rahmen der Hightech-Agenda mehr in Biotechnologien zu investieren. Damit rücken alternative Proteine als zukunftsweisendes Feld für Biotechnologie und Ernährungssicherheit immer stärker in den Fokus. Die Branche sollte dieses Momentum aktiv nutzen und gestalten.
Food-Fakt Nr. 4: Wir müssen neue Narrative etablieren
Um Wirkung zu erzielen, muss die Branche sich weiterentwickeln – auch kommunikativ. Das aktuell dominierende UPF-Narrativ („Ultra-Processed Foods“) stellt ein Risiko dar. Statt defensiv zu reagieren, braucht es eine klare Differenzierung: nicht zwischen „natürlich“ und „verarbeitet“, sondern zwischen Junk Food und funktional verarbeiteten, ernährungsphysiologisch sinnvollen Lebensmitteln. Katharina Herzog (Danone) zeigte, dass gesundheitliche Mehrwerte ein wirksameres Verkaufsargument sind als Nachhaltigkeitserzählungen. Ein wichtiger Schritt. Denn die Gesellschaft leidet zunehmend unter den Folgen ungesunder Ernährung – wie Prof. Grönemeyer drastisch formulierte: „Wir essen uns zu Tode.“ Alternative Proteinquellen können hier eine nachweislich positive Rolle spielen, wie auch das jüngste WBAE-Gutachten bestätigt.
Food-Fakt Nr. 5: Wir müssen mutig sein, uns abzugrenzen
Ist die jahrelange Jagd nach „Originalgeschmack“ noch zeitgemäß? Die Branche beginnt, sich diese Frage zu stellen. Mandelmilch zeigt: Es geht auch anders. Produkte müssen nicht wie das tierische Original schmecken, um akzeptiert zu werden. Was es stattdessen braucht, sind eigene Kategorien, eigene Bezeichnungen und der Mut zu eigenen Geschmacksprofilen. Und: Der Handel schafft bereits Raum dafür. Rewe plant laut Daniel Kniel, das Sortiment bis 2035 zu 60 Prozent pflanzlich auszurichten. Das ist kein „entweder oder“, sondern ein „sowohl als auch“. Auch im Bereich Käse besteht Innovationsbedarf und Bedarf zu wachsen. Prof. Achim Spiller beschrieb das „Cheese-Paradox“ aus dem WBAE-Gutachten: Obwohl weniger Fleisch konsumiert wird, steigt der Käseverbrauch – und damit bleibt die Klimawirkung weitgehend unverändert. Ohne alternative Käseprodukte wird die Ernährungswende nicht gelingen.
Fazit
2026 wird ein entscheidendes Jahr – nicht nur für Produktinnovationen, sondern für die strategische, politische und kommunikative Weiterentwicklung der gesamten Branche. Wer aus alten Mustern ausbricht, systemisch denkt und neue Zielgruppen erreicht, wird den Markt maßgeblich mitgestalten.
Communication Officer
Mailin Zanke
BALPro e. V.
dialog@balpro.de
Tel. 0176 75740057
Pressekontakt
Nadine Filko
Ludewig Consulting GmbH
nadine@ludewig.io
Tel. 0177 879 6097