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Isoflavone sind natürliche Inhaltsstoffe der Sojabohne und gehören zu den am intensivsten untersuchten Pflanzenstoffen überhaupt. Dennoch stehen sie derzeit erneut im Fokus der europäischen Lebensmittelpolitik. Auslöser ist eine Stellungnahme der französischen Lebensmittelsicherheitsbehörde ANSES, die eine neue Debatte über die gesundheitliche Bewertung von Sojalebensmitteln angestoßen hat. Dabei geht es nicht nur um wissenschaftliche Fragen, sondern auch um die grundsätzliche Frage, wie natürliche Inhaltsstoffe von Lebensmitteln künftig regulatorisch bewertet werden sollten.
Die Europäische Kommission bereitet derzeit ein Mandat für die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) vor, die das Thema erneut wissenschaftlich bewerten soll. Genau deshalb ist jetzt entscheidend, welche Fragestellung der EFSA mit auf den Weg gegeben wird.
Warum ein Risk-Benefit-Ansatz notwendig ist
Aus wissenschaftlicher Sicht sollte die Bewertung nicht ausschließlich als klassisches Risk Assessment erfolgen, das mögliche Gefahren isoliert betrachtet. Stattdessen braucht es einen Risk-Benefit-Ansatz, der sowohl potenzielle Risiken als auch die nachgewiesenen gesundheitlichen Vorteile von Sojalebensmitteln berücksichtigt.
Denn anders als bei Schadstoffen stehen Isoflavonen dokumentierte ernährungsphysiologische Vorteile gegenüber. Eine ausschließlich gefahrenorientierte Betrachtung würde diesem Gesamtbild nicht gerecht und könnte zu unverhältnismäßigen politischen Schlussfolgerungen führen.
Hinzu kommt, dass die EFSA bereits im Jahr 2015 eine umfassende Bewertung von Isoflavonen durchgeführt hat. Damals wertete die Behörde rund 400 Tier- und Humanstudien aus und kam zu dem Ergebnis, dass keine nachteiligen gesundheitlichen Auswirkungen durch Isoflavone nachgewiesen werden konnten. Gleichzeitig stellte die EFSA fest, dass die Datenlage keine wissenschaftlich belastbaren Schwellenwerte zulässt, ab denen eine Einschränkung des Verzehrs gerechtfertigt wäre.
Die anstehende Neubewertung durch die EFSA bietet die Chance, die wissenschaftliche Evidenz auf den neuesten Stand zu bringen. Entscheidend wird jedoch sein, dass Sojalebensmittel nicht wie klassische Schadstoffquellen behandelt werden. Eine moderne wissenschaftliche Bewertung sollte die Realität des Lebensmittelkonsums widerspiegeln: Sie muss Humanstudien in den Mittelpunkt stellen, den tatsächlichen Verzehr in Europa berücksichtigen und Risiken gemeinsam mit den gut belegten gesundheitlichen Vorteilen bewerten. Nur ein solcher ganzheitlicher Risk-Benefit-Ansatz kann die Grundlage für verhältnismäßige politische Entscheidungen und eine evidenzbasierte Verbraucherkommunikation bilden.
Autor
William Trautmann
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