Auf der NEWFOODX-Konferenz von Crowdfoods während der Intergastra kamen Akteure der gesamten Wertschöpfung zusammen, um eine zukunftsfähige Ernährungswirtschaft zu diskutieren. Hier v. l. n. r.: Moritz Mack, CEO der Mercedes-Benz Gastronomie GmbH; Carolin Gennburg, Lead der AVE Gastro by ProjectTogether gGmbH; Timo Sievernich, Gründer von odacova und Nico Hansen, Gründer der vanozza foods GmbH.
Warum Deutschland jetzt den Mut zur Proteinwende braucht
Die NEWFOODX-Konferenz auf der Intergastra hat zeigt: Die Zukunft alternativer Proteine ist keine Lifestyle-Frage mehr. Sie ist industriepolitisch relevant. Was sich auf den Tellern abzeichnet, entscheidet über Wertschöpfung, Ernährungssouveränität und die Wettbewerbsfähigkeit eines ganzen Standorts. Während andere Länder strategisch investieren, diskutieren wir hierzulande noch über Begrifflichkeiten. Es ist Zeit, das zu ändern.
Wer pflanzenbasierte oder fungale Produkte immer noch als „Alternativen“ betrachtet, denkt rückwärts. Es geht nicht um Ersatz. Es geht um neue Kategorien. Erfolgreiche Produkte definieren sich nicht über das, was sie imitieren, sondern über das, was sie besser machen: Geschmack, Textur, Preis – das sind längst Hygienefaktoren. Die nächste Innovationsstufe entsteht im Systemischen: in zirkulären Rohstoffströmen, regionaler Wertschöpfung und regenerativer Landwirtschaft. Das ist kein Food-Trend. Das ist Strukturpolitik.
Die Niederlande investieren – wir beobachten
Im Panel zur Innovationskraft der Niederlande wurde deutlich, wie strategisch andere Länder agieren. Start-ups wie sparckitchen zeigen: New Cuisine bedeutet nicht Hightech um jeden Preis, sondern kluge Verbindung von Handwerk, Whole Foods und Technologie. Dort wird Ernährung als Innovationsfeld verstanden – politisch flankiert, wirtschaftlich gewollt, systematisch gefördert. Und in Deutschland? Wir sehen viele gute Einzelinitiativen, aber zu wenig strategische Bündelung.
Fungal Food, Algen, Reststoffe: neue Industriezweige entstehen
Pilze entwickeln sich zur eigenständigen Kategorie. Nicht nur als Myzel in Bioreaktoren, sondern auch als klassische Fruchtkörper wie Lion’s Mane. Unternehmen wie Fungi Feeds denken Wertschöpfung ganzheitlich – vom Substrat bis zum Endprodukt. Anbau auf Altholz, Nutzung regionaler Reststoffe, neue Einkommensquellen für Landwirt:innen: Hier entstehen potenziell neue Revenue Streams im ländlichen Raum. Wir müssen diese Potenziale als agrarpolitische Chance diskutieren.
Was Pilze an Land sind, könnten Algen im Wasser werden. Unternehmen wie SeaMore zeigen das Potenzial. Produkte auf Treberbasis – wie die Milch von Circular Grain – verwandeln industrielle Nebenströme in marktfähige Innovationen. Das ist angewandte Kreislaufwirtschaft. Das ist Effizienzsteigerung. Das ist Klimapolitik zum Essen. Und es ist ein Feld, in dem Deutschland wissenschaftlich hervorragend aufgestellt ist – von Fermentationsforschung bis Verfahrenstechnik. Was fehlt, ist die politische Priorisierung.
Kompetenzzentren und Mut statt Förderfragmentierung
Einrichtungen, wie der während der Konferenz vorgestellte NOI Techpark in Südtirol, bündeln Fermentationswissen und schaffen Austausch zwischen Wissenschaft, Start-ups und Industrie. Genau solche Orte braucht es – als strategische Knotenpunkte. Ernährungssysteme sind Querschnittspolitik. Auch die Förderung muss systemisch gedacht werden – zwischen Landwirtschaft, Wirtschaft, Forschung und Klimaschutz.
Am Ende waren sich auf der NEWFOODX viele einig: Technologie ist da. Produkte sind da. Unternehmerischer Wille ist da. Was fehlt, ist Mut. Mut, Potenziale zu erkennen, bevor sie offensichtlich sind. Mut, alternative Proteine als Industriepolitik zu begreifen – nicht als Nischenthema. Mut, Deutschland als Leitmarkt für regenerative Ernährungssysteme zu positionieren. Die Weichen sind gestellt. Die wissenschaftliche Basis ist stark. Der Markt ist bereit. Jetzt entscheidet die Politik, ob wir Gestalter oder Zuschauer bleiben.