Copyright: KI-generiert, von EuroCommerce zur Verfügung gestellt
Ein aktueller Branchenbericht des europäischen Handelsverbands EuroCommerce unterstreicht: Der Markt für alternative Proteine gewinnt im europäischen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) zunehmend an strategischer Bedeutung. Dass der Handel diesen Weg nicht nur passiv begleitet, sondern durch wissenschaftlich fundierte Strategien, direkte Investments und gezielte Sortimentsarbeit aktiv mitgestaltet, zeigt das enorme Potenzial für unseren Sektor. Für BALPro ist klar: Wenn Handel, Politik, Landwirtschaft und Hersteller an einem Strang ziehen, entstehen verlässliche Perspektiven für eine zukunftsfähige Ernährungslandschaft.
88 % des europäischen Handels befürworten die Diversifizierung von Proteinquellen
Die Ergebnisse des Berichts zeichnen ein klares Bild zur Einstellung der Marktteilnehmer: 88 % der befragten Händler in Europa befürworten die Diversifizierung von Proteinquellen.
Der Handel sieht im Ausbau pflanzlicher und alternativer Proteine klare strategische Vorteile:
- Lieferketten-Resilienz: Ein breiterer Protein-Mix schützt die Lieferketten besser vor externen Risiken und stärkt die Unabhängigkeit.
- Strategische Positionierung: Die Diversifizierung ermöglicht Marktdifferenzierung, betriebliche Effizienz und langfristiges Wachstum.
- Nachhaltigkeits- und Net-Zero-Ziele: Die Reduktion von Scope-3-Emissionen ist für Händler der wirksamste Hebel, um eigene Klimaziele zu erreichen.
Messbarer Fortschritt: Wie ALDI SÜD und REWE vorangehen
Dass der Handel längst von Absichtserklärungen zu messbaren Handlungen übergegangen ist, belegen konkrete Branchenbeispiele aus dem Bericht:
ALDI SÜD: Über 56 % pflanzlicher Sortimentsanteil und mehr als 1.400 vegane Produkte
„Der Ernährungswechsel bei ALDI SÜD in Deutschland orientiert sich an der Planetary Health Diet, die die menschliche Gesundheit unterstützt und gleichzeitig die planetaren Grenzen respektiert.“
— Dr. Julia Adou, Director National Sustainability bei ALDI SÜD Deutschland
Das Sortiment von ALDI SÜD:
- 56,4 % beträgt der pflanzliche Anteil am Gesamtsortiment.
- Über 1.400 vegan gekennzeichnete Produkte: Das entspricht mehr als einer Verdopplung im Vergleich zum Jahr 2021.
- Einheitliches Protein-Ziel gefordert: ALDI SÜD strebt als nächsten Schritt ein konkretes Protein-Ziel an – idealerweise in Zusammenarbeit mit allen deutschen Lebensmittelhändlern.
REWE Group: Investments und Innovationen für den Massenmarkt
Clément Tischer (Head of FoodTech bei der REWE Group) verdeutlicht im Interview, Teil des Berichts, wie gezielte Investments in FoodTech-Start-ups das Handelsgeschäft stärken. Das Investment in LEKKA zählte beispielsweise zu den erfolgreichsten Neueinführungen des Jahres 2025.
Der Fokus liegt dabei auf Preis- und Sensorik-Parität: Gemeinsam mit Start-ups wird gezielt daran gearbeitet, geschmackliche Lücken zu schließen, um alternative Proteine vollständig massenmarkttauglich zu machen.
Weitere Beispiele aus dem LEH in Europa
Der Bericht stellt weitere Best-Practice-Beispiele aus dem europäischen Lebensmittelhandel vor. Der niederländische Händler Albert Heijn erweitert und optimiert beispielsweise systematisch sein pflanzliches Eigenmarkensortiment. Ebenfalls in den Niederlanden misst und berichtet Jumbo das genaue Verhältnis von pflanzlichen zu tierischen Proteinen am Gesamtabsatz (den sogenannten Protein-Split). In Österreich setzt Billa auf die gezielte Reformulierung von Rezepturen, um den Zugang zu pflanzlichen Alternativen zu erleichtern und die Nachfrage zu steigern.
In Portugal und Polen nutzt die Unternehmensgruppe Jerónimo Martins übergreifende Konzepte zur Verbraucherführung und strukturierte Angebote über verschiedene Handelsmarken hinweg. Der finnische Handelskonzern Kesko unterstützt Kundinnen und Kunden über eine digitale Anwendung dabei, persönliche Ernährungs- und Nachhaltigkeitsziele direkt beim Einkauf zu erreichen. Zudem wird die dänische „Bean-Burrito-Kampagne“ als Beispiel für die Kooperation zwischen Verbraucherorganisationen und Handelsunternehmen hervorgehoben.
Der Maßnahmen-Katalog: Von „Quick Wins“ bis zu High-Impact-Strategien
Der Bericht liefert einen praxisnahen Überblick darüber, wie Händler ihre direkten Einflussmöglichkeiten sowie indirekte Hebel nutzen können:
Quick Wins
- Sichtbarkeit in der Werbekommunikation: Pflanzliche Alternativen in Handzetteln, Online-Bannern oder Out-of-Home-Kampagnen prominenter platzieren.
- Platzierung im Regallayout: Platzierung pflanzlicher Produkte direkt neben den tierischen Pendants im Rahmen regulärer Regaloptimierungen.
- Bestehende Initiativen stärken: Beitritt zu branchenweiten Initiativen zur gemeinsamen Stärkung der Kategorie.
High-Impact-Maßnahmen
- Preisparität schaffen: Die Preisanpassung pflanzlicher Eigenmarken an tierische Pendants gilt als stärkster Kaufanreiz. Beispiel Lidl Deutschland: Die Umsetzung der Preisparität führte zu einem Umsatzplus von 30 % im pflanzlichen Sortiment.
- Clean Label & Reformulierung: Optimierung bestehender Produkte durch weniger Zusatzstoffe und bessere Nährwertprofile, um Akzeptanz in der Breite zu schaffen.
- Enge Wertschöpfungspartnerschaften: Langfristige Kooperationen zwischen Handel, Herstellern und Landwirtschaft sichern die Skalierung und Stabilität der Lieferketten.
Politische Stellschrauben: Wo der Sektor Unterstützung fordert
Der Handel kann den Rahmen für ein zukunftsfähiges Angebot nicht allein gestalten. Um faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, fordert die Studie gezielte Rückendeckung aus der Politik. BALPro unterstützt diese Forderungen und setzt sich aktiv für ihre Umsetzung ein:
- Steuerliche Gleichbehandlung: Gleicher Mehrwertsteuersatz für pflanzliche Grundnahrungsmittel und Alltagsprodukte.
- Effiziente Zulassungsverfahren: Beschleunigung von Novel-Food-Zulassungen bei gleichbleibend hohen Sicherheitsstandards, um Innovationen schneller auf den Markt zu bringen.
- Klarheit bei Kennzeichnung & Benennung: Eindeutige und verlässliche Regeln für Produktbezeichnungen und Claims.
- Nationale Strategien: Erarbeitung von pflanzlich orientierten Aktionsplänen sowie der Ausbau öffentlicher Forschungs- und Skalierungsförderung.
Heimischer Anbau und globale Versorgungssicherheit
Der Bericht beschränkt sich nicht nur auf den Point of Sale, sondern geht ebenso auf die entscheidende Rolle der Landwirtschaft für eine gelungene Proteindiversifizierung ein:
Chancen für die heimische Landwirtschaft: Der verstärkte Einsatz von Leguminosen wie Erbsen oder Ackerbohnen fördert den Anbau heimischer Nutzpflanzen und stärkt die regionale Wertschöpfung.
Globale Nachfrage sichern: Angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums bieten alternative Proteine eine nachhaltige Lösung, um den steigenden Proteinbedarf langfristig zu decken.
Hintergrund und Methodik des Berichts
Der Bericht „Protein Diversification in Retail and Wholesale“ versteht sich als praxisnaher Branchenbericht und Best-Practice-Leitfaden für den europäischen Lebensmittel- und Großhandel.
Die Ergebnisse stützen sich auf eine Befragung von 25 EuroCommerce-Mitgliedern (darunter 15 Handelsunternehmen) sowie Interviews mit nationalen Verbänden aus 17 europäischen Ländern. Ergänzt wird die Analyse durch Marktdaten von Euromonitor International.
Hinter der Publikation:
EuroCommerce: Die europäische Hauptorganisation zur Vertretung des Einzel- und Großhandels. EuroCommerce repräsentiert nationale Verbände in 28 Ländern und rund 5 Millionen Unternehmen im Sektor.
The School for Moral Ambition: Eine gemeinnützige Stiftung, in deren Rahmen der Bericht als Teil eines Food Transition Fellowships erarbeitet wurde.
Fazit: Zukunftsfähigkeit durch Kooperation
Die ersten Schritte im europäischen Handel sind getan: Praxisbeispiele aus verschiedenen Ländern belegen, dass der Sektor in Bewegung ist. Für Europa bieten alternative Proteine die große Chance auf mehr globale Unabhängigkeit und wirtschaftliche Resilienz. Damit diese Chance voll genutzt werden kann, müssen Handel, Politik, Landwirtschaft und Herstellungssektor jetzt gemeinsam an einem Strang ziehen.
Autorin
Mailin Zanke
Communications
BALPro e. V.
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