August 2026: Übergang von einer Innovationsbewegung zu einer Industrie
Der Bereich der alternativen Proteinquellen braucht derzeit weniger Euphorie und mehr wirtschaftliche Realität. Das ist vielleicht meine wichtigste Beobachtung aus dem August.
Ich beschäftige mich seit nun vielen Jahren mit Food Innovationen – auf Unternehmensseite, mit Start-ups, aus Investorensicht und auch als Vorstandsvorsitzender von BALPro. Und selten fand ich die Entwicklung des Marktes so interessant wie gerade jetzt. Nicht, weil alles nach oben zeigt. Sondern weil sich zunehmend trennt, welche Technologien, Geschäftsmodelle und politischen Ambitionen tatsächlich Substanz haben.
Drei Entwicklungen sind mir im August besonders aufgefallen.
1. Kapital ist nicht verschwunden. Es ist anspruchsvoller geworden.
Der aktuelle KPMG-Report zeigt ein insgesamt vorsichtigeres Investitionsumfeld, während sich die verschiedenen Segmente alternativer Proteine trotzdem weiterentwickeln. Besonders Fermentation bleibt spannend. Ich halte das für eine gesunde Entwicklung.
Die Zeit, in der eine gute Geschichte und ein großer adressierbarer Markt für die nächste Finanzierungsrunde ausreichten, ist weitgehend vorbei. Heute geht es stärker um industrielle Reife, Unit Economics, belastbare Nachfrage und einen nachvollziehbaren Weg zur Skalierung. Für Gründer ist das härter. Für die langfristige Entwicklung des Sektors muss es nicht schlecht sein.
https://hub.kpmg.de/en/alternative-protein-deal-cosmos-market-report
2. Konsolidierung ist kein Gegenargument gegen den Markt. Sie ist Teil seiner Professionalisierung.
Übernahmen, Zusammenschlüsse und Insolvenzen prägen derzeit vor allem den pflanzenbasierten Bereich. Seit September 2024 waren laut Green Queen weltweit mindestens 82 Unternehmen aus dem Bereich alternative Proteine von Übernahmen, Fusionen, Insolvenzen oder Einstellungen betroffen. Man kann daraus eine Krise der Branche konstruieren.
Ich sehe darin zunächst etwas anderes: einen Markt, der beginnt, sich zu sortieren. Spannend finde ich deshalb beispielsweise die Entwicklung bei Planted. Das Unternehmen verdoppelt seine Kapazitäten in Memmingen und denkt gleichzeitig darüber nach, fermentiertes Protein künftig auch anderen Herstellern anzubieten. Dahinter steckt eine größere Frage: Wo entsteht künftig eigentlich der Wert?
In der Marke? In der Technologie? In der Produktion? Im Rohstoff? Oder in der Fähigkeit, all diese Ebenen effizient miteinander zu verbinden? Ich glaube, dass wir in den kommenden Jahren deutlich mehr solcher Verschiebungen sehen werden.
3. Gleichzeitig entscheidet Politik immer stärker mit darüber, wie wettbewerbsfähig Europa in diesem Markt sein wird.
Und hier sehe ich im Moment einen Widerspruch.
Auf der einen Seite sprechen wir über Protein-Souveränität, Resilienz, Biotechnologie und die Wettbewerbsfähigkeit Europas. Genau darüber wurde im August auch auf der New Food Conference diskutiert. Parallel laufen Prozesse zur nationalen Biotechnologie-Roadmap und zum EU Biotech Act. Auf der anderen Seite beschäftigen wir Unternehmen mit Debatten darüber, ob ein pflanzliches Produkt „Burger“ oder „Wurst“ heißen darf. Für mich passt das nicht zusammen.
Wer möchte, dass in Europa neue Technologien, Produktionskapazitäten und Wertschöpfung entstehen, muss auch Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Unternehmen investieren und skalieren können. Das bedeutet nicht, jede Forderung einer jungen Branche politisch durchzuwinken. Es bedeutet aber, Regulierung daran zu messen, ob sie ein konkretes Problem löst – und nicht daran, ob sie bestehende Strukturen konserviert.
Gerade bei alternativen Proteinen sollten wir die Diskussion deshalb breiter führen. Es geht längst nicht mehr nur um die Frage „Fleisch oder Pflanze?“ Es geht um Rohstoffe. Produktionskapazitäten. Biotechnologie. Investitionen. Landwirtschaft. Ernährungssicherheit. Verbraucher. Und letztlich darum, welchen Teil der zukünftigen Lebensmittelwertschöpfung wir in Europa halten wollen.
Was ich aus dem August mitnehme
Ich glaube nicht, dass die kommenden Jahre für alternative Proteine einfacher werden.
Aber vermutlich werden sie interessanter und chancenreicher. Der Markt wird selektiver. Kapital wird anspruchsvoller. Skalierung wird wichtiger. Und die politischen Rahmenbedingungen werden zunehmend zum Standortfaktor.
Für mich ist das keine Krise einer Kategorie. Es ist der Übergang von einer Innovationsbewegung zu einer Industrie. Und genau dieser Übergang wird entscheiden, welche Unternehmen, Technologien und Standorte am Ende eine relevante Rolle spielen.