Foto: Good Food Institute (GFI)
Der neue State of the Industry Report zu Fermentation, eine Veröffentlichung des Good Food Institute (GFI), analysiert die Rolle mikrobieller Prozesse für die Herstellung alternativer Proteine und beleuchtet Fortschritte, Markttrends sowie bestehende Herausforderungen.
Die Studie gibt einen Überblick über den aktuellen Stand fermentationsbasierter Ansätze im Bereich alternativer Proteine. Dabei wird zwischen drei zentralen Anwendungsformen unterschieden: traditionelle Fermentation, Biomasse-Fermentation und Präzisionsfermentation.
Diese Ansätze ermöglichen unterschiedliche Anwendungen. Mikroorganismen können selbst als Proteinquelle dienen, gezielt funktionale Inhaltsstoffe wie Enzyme oder Proteine produzieren oder pflanzliche Rohstoffe in ihren Eigenschaften verbessern.
Im Fokus der Studie stehen insbesondere die Entwicklung des Unternehmensökosystems, technologische Fortschritte entlang der Wertschöpfungskette sowie Investitions- und Innovationsdynamiken. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich der Sektor noch in einer frühen Phase der Skalierung befindet.
Bild: Good Food Institute, Alternative protein company database, aufgerufen am 10.12.2025.
Diese Weltkarte zeigt die globale Verteilung spezialisierter Unternehmen im Bereich der Fermentationstechnologien. Dabei stechen drei Entwicklungen besonders ins Auge. Zunächst führen die USA mit 35 spezialisierten Unternehmen den Markt deutlich an und bleiben das Kraftzentrum für Investitionen sowie die technologische Skalierung in diesem Sektor. Gleichzeitig zeigt sich in Europa ein dichtes Ökosystem, in dem Deutschland und das Vereinigte Königreich mit jeweils 12 Unternehmen gleichauf an der Spitze der Bewegung liegen, dicht gefolgt von den Niederlanden und Frankreich. Dies unterstreicht die enorme Bedeutung unseres heimischen Marktes für die europäische Proteinversorgung der Zukunft. Ein Blick auf den Nahen Osten zeigt zudem Israel als bemerkenswerten Innovations-Hub, wo sich das Land mit 8 spezialisierten Unternehmen als einer der weltweit aktivsten Akteure im Bereich der Fermentation behauptet, noch vor vielen deutlich größeren Nationen im APAC-Raum.
Die zentrale Rolle der Fermentation
Der neue Report von GFI zeigt klar, dass Fermentation eine besondere Rolle im Spektrum alternativer Proteine einnimmt.
Erstens ist die technologische Bandbreite außergewöhnlich hoch. Fermentation reicht von etablierten Verfahren bis hin zu hochinnovativen biotechnologischen Anwendungen.
Zweitens ist das Anwendungsspektrum besonders vielfältig. Fermentation kann sowohl eigenständige Produkte hervorbringen als auch als Enabler für andere Technologien dienen, etwa durch die Produktion funktionaler Inhaltsstoffe oder Wachstumsfaktoren.
Drittens bleibt die industrielle Skalierung eine zentrale Herausforderung. Themen wie Prozessoptimierung, Kostenstruktur und Infrastruktur sind entscheidend für die weitere Entwicklung.
Für den Gesamtsektor unterstreicht der Bericht die wachsende Bedeutung von Fermentation als integraler Bestandteil eines zukünftigen Proteinökosystems.
Fermentation ist nicht nur eine dritte Säule neben pflanzenbasierten und kultivierten Proteinen. Sie wirkt zunehmend als verbindendes Element zwischen diesen Bereichen. Zutaten aus der Fermentation verbessern beispielsweise Geschmack, Textur und Funktionalität pflanzenbasierter Produkte oder ermöglichen effizientere Produktionsprozesse im Bereich kultivierter Proteine. Damit wird deutlich, dass die Zukunft alternativer Proteine nicht in isolierten Technologien liegt, sondern in deren Zusammenspiel.
Kapital-Shift: Europa überholt Nordamerika bei Fermentations-Investments
2025 markierte einen Wendepunkt: Mit 179 Millionen USD akquirierten europäische Fermentations-Unternehmen erstmals mehr Kapital als ihre Wettbewerber aus Nordamerika (154 Millionen USD). Getrieben wurde diese Entwicklung maßgeblich durch staatliche Unterstützung, die den Schritt von Pilotanlagen zur industriellen Fertigung forcierte und die Infrastruktur im Sektor stärkte. Durch den Einsatz smarter Finanzierungstools konnten europäische Akteure zudem ihre finanzielle Reichweite erhöhen, ohne Gesellschafteranteile zu stark zu verwässern. Diese stabilen Rahmenbedingungen minimieren das Risiko der Skalierung und ziehen verstärkt private Investoren an.
Learnings aus den Consumer Insights
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Die Bekanntheitslücke schließen: Weltweit ist das Wissen über Proteine aus Präzisions- und Biomasse-Fermentation noch gering – selbst in Märkten wie Europa oder den USA, in denen Produkte bereits verfügbar sind. Diese mangelnde Vertrautheit stellt die kurzfristig größte Herausforderung für Konsumgüter dar und muss aktiv angegangen werden.
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Zwei Wege zum Marktwachstum: Das Wachstum kann einerseits über B2B-Lösungen erfolgen, bei denen fermentationsbasierte Inhaltsstoffe als „Drop-ins“ direkt in bestehende Rezepturen integriert werden, ohne dass eine hohe Konsumentenbekanntheit nötig ist. Andererseits erfordert der Erfolg von Endkundenprodukten eine gezielte Aufklärung über die spezifischen Vorteile der Fermentation, um eine breite Akzeptanz zu fördern.
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Vielfalt als Chance nutzen: Die breite Palette an Anwendungen erschwert zwar allgemeine Aussagen zur Akzeptanz, bietet aber enormes Potenzial für passgenaue Lösungen. Künftige Marktforschung muss hier gezielt in spezifische Produktkategorien und deren individuellen Mehrwert eintauchen, statt nur allgemeine Kategorien wie Fleisch oder Milch zu betrachten.
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Klare Kommunikation und Nomenklatur: Begriffe wie „Präzisionsfermentation“ oder „Mycoprotein“ müssen verständlich etabliert werden. Transparente Erklärungen zu den Inhaltsstoffen und deren Mehrwert sind entscheidend, um eine solide Wissensbasis bei den Verbrauchern aufzubauen und langfristiges Vertrauen in die Produkte zu gewinnen.
Bedeutung für die Arbeit von BALPro
Für BALPro bestätigt die Studie die Notwendigkeit, alternative Proteine systemisch zu betrachten.
Fermentation zeigt besonders deutlich, wie eng Wissenschaft, Industrie und politische Rahmenbedingungen miteinander verknüpft sind. Fortschritte entstehen entlang komplexer Wertschöpfungsketten, von der Grundlagenforschung über biotechnologische Entwicklung bis hin zur industriellen Anwendung.
Unsere Aufgabe liegt darin, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, den Wissensstand einzuordnen und den Austausch zwischen den relevanten Akteuren zu stärken. Gleichzeitig wird deutlich, wie wichtig es ist, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um Skalierung und Marktentwicklung zu ermöglichen.
Fazit
Der GFI Bericht zu Fermentation zeigt, dass diese Technologie eine zentrale Rolle im zukünftigen Ernährungssystem einnehmen wird.
Fermentation erweitert nicht nur das Spektrum verfügbarer Proteinquellen, sondern ermöglicht auch entscheidende Fortschritte in anderen Bereichen alternativer Proteine. Damit wird sie zu einem Schlüsselbaustein für ein nachhaltigeres und resilienteres Ernährungssystem. BALPro wird diese Entwicklung weiterhin begleiten, einordnen und aktiv mitgestalten.
Über den Artikel
Dieser Beitrag ist Teil einer Blogreihe zu den aktuellen State of the Industry Reports des Good Food Institute. In dieser jährlich erscheinenden Publikationsreihe analysiert GFI die dynamische Entwicklung des Sektors für alternative Proteine und beleuchtet die Bereiche kultivierte, pflanzenbasierte und fermentationsbasierte Proteine. Die Berichte bieten einen globalen Überblick über Unternehmenslandschaften, Produkttrends, Marktdaten, wissenschaftliche Fortschritte sowie politische und regulatorische Entwicklungen, die gemeinsam die Grundlage für ein nachhaltigeres und resilienteres Ernährungssystem schaffen. In den kommenden Wochen wird BALPro hier eine kurze Einordnung zu jedem dieser Reports veröffentlichen.
Pressekontakt
Mailin Zanke
Communication Officer BALPro e. V.
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